Moonlight Rallye 2009

Im Handbuch für Oldtimer-Rallyes steht: «Das Gehirn sitzt rechts – auf dem Beifahrersitz nämlich», und etwas weiter unten: «Wenn sie also rechts und links nur mit viel Mühe unterscheiden können … sind sie nicht unbedingt der der Super-Beifahrer».
Wenn man einen Rechtslenker fährt, kann einen das zunächst schon mal ziemlich verwirren. Aber dies als den alleinigen Grund zu betrachten, dass ich es bis zum heutigen Tag nicht schaffte, einen Co-Piloten für die Moonlight-Rallye zu organisieren, würde meinem Organisationstalent nun wirklich nicht gerecht werden.

Moonlight Rallye Plakette

Die Idee
Die Idee für diese Moonlight-Rallye kam von Pitt Jung von der Oldtimer Garage. Aber auch die Idee, mich für die Gestaltung der Rallye-Plakette zu betrauen. Für mich Grund genug, unter allen UmstäŠnden mit von der Partie zu sein – zur Not eben auch ohne Beifahrer. Da es aber nicht sonderlich ratsam ist, während des Fahrens gleichzeitig auch noch das Roadbook studieren zu wollen, schlug ich Pitt vor, die Rallye eben als «Pressewagen» zu begleiten. Dies genügte, um die Starterlaubnis zu erhalten.

Der Start
Die Wetterprognosen für den Abend waren ziemlich flatterhaft. Vor allem in den Voralpen – und unser Reiseziel waren die Voralpen – könne es zum Teil zu heftigen Gewittern kommen. Sollte es zum Schlimmsten kommen, hätte ich wenigstens ein – wenn auch zugiges – Verdeck, das auf die Schnelle hochgeklappt werden könnte. Aber wer mit «Brooklands» fährt, fährt extrem nah am Wetter. Und davon gab es einige. Pitt entschied deshalb, den Start um eine halbe Stunde zu verschieben. Und wie sich später herausstellte, war es genau diese halbe Stunde, die uns vor wirklich sintflutartigen Regenfällen bewahrte.

Reiseroute der Moonlight Rallye

Die Fahrt
Beim Start zur Rallye war die Sonne bereits auf ihrem Weg zum Horizont und ich zum ersten Kontrollposten. Schliesslich wollte ich meinem selbst auferlegtem Status als «Pressewagen» Genüge tun, indem ich wenigstens noch eine Fotostrecke aller Teilnehmerteams bei Tageslicht zustande brächte. Nachdem alle Teams durch waren, fuhren der Wagen des Postenteams und ich zu unserem nächsten Etappenziel: Zum Nachtessen auf dem Pragelpass. Auf nahezu verkehrsfreien Strassen fuhren wir, was die Geschwindikeitsbegrenzungen hergaben zügig Richtung Innerschweiz. Schliesslich wollten wir ja nicht als Letzte auf der Passhöhe ankommen. Je näher wir dem Etappenziel kamen, desto mehr verdüsterte sich der Himmel. Schwere Regenwolken liessen nichts Gutes erahnen. Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.
Durch Muotathal hinauf gings Richtung Pass. Die Strasse wurde immer schmaler, die Kurven immer enger und der Belag immer holpriger. Die Kletterpartie auf der einspurigen Fahrbahn bewältigten wir bei zügig abnehmendem Tageslicht und als wir die Passhöhe endlich erreichten, war es bereits zappenduster.
Nach dem Essen klarte der Himmel merklich auf. Aber was jetzt kam, war die dunkle Seite des Passes. Trotz Vollmond herrschte in den Waldpartien stockfinstere Nacht. Das Fernlicht stemmte sich zwar tapfer gegen die Fahrtrichtung, aber vielmehr als ein paar erhellende Augenblicke geben die Scheinwerfer eines TwinCams eben auch nicht her. Immerhin, der Blick in viele gähnenden Abgründe blieb mir dadurch erspart, was die Fahrt merklich beschleunigte.
Das eigentliche Highlight aber stand uns ja noch bevor: Der Klausenpass. Nach Linthal, dem Ausgangspunkt des zwischen 1922 und 1934 ausgetragenen «Grossen Bergpreises der Schweiz» gings wieder in den Hang. In den teilweise weit ausholenden Kurven durfte der TwinCam wieder von der Leine. Gegenverkehr? Gabs nicht. Schleichverkehr? Im Gegenteil. Vor mir fuhr Pitt in seinem Audi, dem ich, was die Pedale hergaben, zu folgen versuchte.
Nach dieser ersten Bergprüfung erreichten wir den Urnerboden. Das Gelände wurde flach. Zeit zum Luftholen, bevor es noch einmal in die Felsen geht. Plötzlich, tauchen im fahlen Scheinwerferlicht – erst schemenhaft, dann immer deutlicher – diese riesigen braunen Viecher vor uns auf. Abbremsen. Kühe! Überall, links, rechts, vor und hinter mir lagen oder standen plötzlich diese Kühe auf der Fahrbahn. Während wir nun vorsichtig um das Braunvieh herum zirkelten, gaben die sich alle Mühe, uns äusserst ausdrucksvoll zu ignorieren.
Nach den Kühen kamen die ersten Kehren. Und bevor ich richtig in die Gänge kam, fuhr Pitt plötzlich rechts ran. Für den letzten Abschnitt der Passfahrt hatte er sich nämlich einen besondere Leckerbissen für die Rallyeteams ausgedacht: Ein Sprint mit Bestzeitmessung bis zur Passhöhe. Denn hier oben konnte er sich sicher sein, dass nicht doch noch plötzlich eine Kuh aus dem Dunkel auftauchen würde. Wer jetzt jedoch an eine strafrechtlich relevante Raserei auf öffentlicher Strasse denkt, der lässt ausser Betracht, dass die Steigung hoch, die Kurven eng und die Luft für die alten Motoren schon merklich dünn ist. Das Resultat erstaunte denn auch gestandene Piloten. Die höchste Durchschnitts-Geschwindigkeit lag gerade mal bei 48km/h – und dies bei erlaubten 80km/h.

Das Ziel
Klausen, 1952 m steht auf dem alten, in Beton gegossenen Schild (effektiv sind es ja nur 1948 m.ü.M.). Die Passhöhe war zwar die Zieleinfahrt des Rallyesprints, aber das eigentliche Ziel lag ein paar hundert Meter weiter in Richtung Zentralschweiz: Das Hotel Klausen-Passhöhe. Hier wollte Pitt die Rallye in gemütlichem Rahmen stilvoll beenden. Da aber auch er wusste, dass es ziemlich spät werden würde, hatte er unsere Gruppe vorsorglich angemeldet, damit wenigstens noch jemand wach sein würde, um uns eine Erfrischung anzubieten. Als wir um 2 Uhr früh dort eintrafen, trauten wir unseren Augen kaum. Hier oben, auf fast 2000 Metern, in der Abgeschiedenheit der Berge, weit ab jeglicher zivilisatorischer Hektik, traten wir mitten in eine lärmige, ausgelassene Sennenrunde. Bierhumpen kreisten, beissende Cigarillo-Rauchschwaden in der Luft, Jassteppiche auf allen Tischen und eine beharrlich lauter als harmonisch spielenden Ländlerkombo sorgten für eine äusserst bizarre Stimmung. Dadurch liessen wir uns nicht im geringsten beirren, im Gegenteil. Aber irgendwann mussten wir ja irgendwie noch nach Hause fahren. Und so hiess es um 4 Uhr morgens zum letzten Mal: Start your engines, ladies and gentlemans.

Der Heimweg
Um halb sechs Uhr fuhr ich endlich in Zürich ein. Da mein üblicher Heimweg wegen einer Veranstaltung vom Vorabend gesperrt war, nahm ich die nächste Abzweigung und noch bevor ich richtig begriff, was da vor sich ging, stand ich mitten in einem, für diese Uhrzeit völlig absurden Taxi-Stau in der Langstrasse. Na ja, dachte ich, bis ich da durch bin wirds schon nicht ewig dauern. Aber es schien ewig zu dauern. Nach einer 12-stündigen, ausnahmslos temperamentvollen Nachtfahrt, kroch ich nun die letzten paar hundert Meter wie auf allen Vieren heimwärts. Aber irgendwann kommt man ja immer irgendwie durch und so fiel ich irgendwann nach 6 Uhr, hundemüde aber begeister, einen der tollsten Ritte erlebt zu haben, in mein Bett.



Statistik
Zähler: 38059km l Strecke: 272km

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